Stellungnahme im Rahmen des Anhörungsverfahren der Enquete Kommission „Lehren aus der SARS-CoV-2-Pandemie in Thüringen...

von Peter Kießling

„Lehren aus der SARS-CoV-2-Pandemie in Thüringen: Handlungsempfehlungen für künftige Endemie-, Pandemie- und sonstige Gesundheits- Krisenlagen“ zum Themenkomplex „Soziale Ungleichheit und Teilhabe“

Die LIGA Thüringen hat im Anhörungsverfahren der Enquete-Kommission „Lehren aus der SARS-CoV-2-Pandemie in Thüringen“ zum Themenkomplex „Soziale Ungleichheit und Teilhabe“ Stellung genommen. Im Folgenden finden Sie unsere vollständige Stellungnahme mit den Erfahrungen und fachlichen Einschätzungen aus der Kinder- und Jugendhilfe.

Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Thüringen dankt für die Möglichkeit, zum Themenkomplex „Soziale Ungleichheit und Teilhabe“ der Enquete Kommission „Lehren aus der SARS-CoV-2-Pandemie in Thüringen: Handlungsempfehlungen für künftige Endemie-, Pandemie- und sonstige Gesundheits- Krisenlagen“ Stellung zu nehmen. Die in der LIGA zusammengeschlossenen Spitzenverbände vertreten eine große Zahl sozialer Einrichtungen, Dienste und Beratungsstellen im gesamten Freistaat. Dazu gehören unter anderem stationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen, Einrichtungen der Eingliederungshilfe, Kindertageseinrichtungen, Krankenhäuser, Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe, Frauenhäuser, Beratungsstellen sowie Angebote für Menschen in besonderen sozialen Lebenslagen.

1. Grundsätzliche Anmerkungen

Die LIGA Thüringen begrüßt die Einsetzung der Enquetekommission. Aus Sicht der Kinder- und Jugendhilfe wurden die Bedürfnisse von Familien, Kindern und Jugendlichen während der Pandemie häufig dem Infektionsschutz untergeordnet, was erhebliche Auswirkungen auf die Bildung und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen hatte und immer noch hat.

Nachfolgend finden Sie die gebündelten Antworten zu den Fragen der Kommission aus Sicht der Jugendhilfe-Praxis. Weiterführende und handlungsfeldübergreifende Auswirkungen und daraus resultierende Maßnahmen und Forderungen finden Sie in den zusätzlich beigefügten „Aktualisierte Positionen der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Thüringen e.V. zu zentralen Ergebnissen und Erfahrungen der Corona Pandemie und Handlungsempfehlungen, [..]“

2. Besondere Härten und Schäden (Fragen 1, 10-13, 15)

Die Pandemie verstärkte bestehende soziale Ungleichheiten massiv:

  • Kinder in Armutslagen litten unter dem Wegfall von Schulessen, beengten Wohnverhältnissen und fehlender technischer Ausstattung für digitales Lernen.
  • Alleinerziehende waren durch die zeitgleiche Bewältigung von Erwerbsarbeit, Homeschooling und Haushalt extrem überlastet.
  • Kinder mit Behinderungen und in Pflegefamilien verloren essenzielle Förder- und Entlastungsstrukturen.
  • Die psychischen Belastungen stiegen drastisch an, was sich in Erschöpfung, Ängsten und depressiven Symptomen äußerte.

3. Maßnahmen und staatliche Hilfesysteme (Fragen 2, 3, 8)

Staatliche Hilfesysteme reagierten anfangs zu starr und einseitig virologisch fokussiert:

  • Weitreichende Schließungen von Kitas, Schulen und der offenen Jugendarbeit erwiesen sich als schädlich für die psychosoziale Entwicklung.
  • Positiv zu bewerten waren die von den Wohlfahrtsverbänden zeitnah organisierten Notbetreuungen und digitalen Beratungsangebote.
  • Zukünftig müssen die Perspektiven von Kindern, Jugendlichen und der Zivilgesellschaft zwingend in regionalen und überregionalen Krisenstäben berücksichtigt werden.

4. Hilfen zur Erziehung und Krisenfestigkeit (Fragen 4, 5)

Die Kinder- und Jugendhilfe muss in Krisenzeiten als absolut systemrelevant anerkannt werden:

  • Stationäre Wohngruppen mussten eine 24/7-Betreuung inklusive Homeschooling leisten, oft ohne ausreichende personelle und technische Ressourcen.
  • Die Infrastruktur der Jugendhilfe benötigt präventiv eine bessere finanzielle Ausstattung und Flexibilität (dauerhafter Sicherungsauftrag), um krisenfest zu agieren.

5. Bildungsungleichheit (Frage 6)

Häusliche Beschulung führte zu massiven Bildungsrückständen, insbesondere bei sozial benachteiligten Kindern. Zukünftige Konzepte müssen niedrigschwellige analoge Lern- und Kontaktangebote auch im Lockdown garantieren, um die Bildungs- und Chancengerechtigkeit zu wahren.

6. Gewaltschutz und Kindeswohl (Fragen 7, 14)

Der Wegfall von Schulen und Kitas als zentrale soziale Kontrollinstanzen führte dazu, dass Warnsignale für Kindeswohlgefährdungen unentdeckt blieben. Notfallpläne für die aufsuchende Sozialarbeit und durchgängig erreichbare Kinderschutzstrukturen sind unerlässlich.

7. No-Regret-Maßnahmen und zukünftige Resilienz (Fragen 9, 16)

Um Familien und junge Menschen krisenfest zu machen, bedarf es grundlegender struktureller Weichenstellungen:

  • Einführung einer armutsfesten Kindergrundsicherung zur Vermeidung sozialer Armutslagen.
  • Umsetzung eines Grundrechts auf Internetzugang und digitale Teilhabe bei gleichzeitiger Umsetzung des Schutzauftrages im Kontext von sozialen Medien und digitalen Formaten.
  • Dauerhafte Verankerung von festen Beteiligungsstrukturen für Kinder und Jugendliche in der Landespolitik.

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