APPELL für eine sichere und vielfältige Kindergartenlandschaft in Thüringen
von Peter Kießling
Im Februar 2024 gründeten die Ligaverbände der freien Wohlfahrtspflege, die Gewerkschaften Verdi und GEW gemeinsam mit der Landeselternvertretung die „Allianz für einen besseren Personalschlüssel in Thüringer Kindergärten“.
Das Ergebnis dieser Initiative ist ein gelungenes Beispiel von Beteiligung in der Demokratie. Es zeigt außerdem, wie wichtig die Perspektive von Eltern, Trägern und Gewerkschaften für politische Prozesse ist. Durch den verbesserten Personalschlüssel konnten allein im Jahr 2025 knapp 2.000 Vollzeitstellen an pädagogischen Fachkräften für Thüringen erhalten bleiben. Diese Gesetzesänderung entstand durch Gespräche auf Augenhöhe, nachvollziehbare Argumente und einen gemeinsamen politischen Willen.
Der aktuelle Gesetzentwurf hat das Ziel kleine Kindergärten, insbesondere im ländlichen Raum, zu unterstützen, um Strukturen zu erhalten und Eltern durch ein drittes beitragsfreies Kindergartenjahr zu entlasten. Diese Änderungen sollten vom Gesetzgeber aus unserer Sicht noch kurzfristig vor der Sommerpause verabschiedet werden.
Das System der frühkindlichen Bildung in Thüringen steht aber vor weiteren großen Herausforderungen. Die „Allianz für einen besseren Personalschlüssel in Thüringer Kindergärten“ erwartet deshalb von der Landesregierung eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit den relevanten Akteuren, um gemeinsam tragfähige, von einer breiten Akzeptanz getragene Antworten auf die aktuellen Herausforderungen zu entwickeln. Aus Sicht der Allianz ist die AG Zukunft des TMBWK der richtige Ort, um die nächste Novelle des Thüringer Kindergartengesetzes zu erarbeiten und dabei auf die Erfahrungen, Erkenntnisse und Vorschläge der Praxis zurückgreifen.
Die Allianz für einen besseren Personalschlüssel in Thüringer Kindergärten fordert deshalb die Landesregierung auf, die im Anhörungsverfahren zum aktuellen Gesetzentwurf vorgebrachten Argumente und Beispiele ernst zu nehmen und keine Änderungen vorzunehmen, die aus Sicht der Akteure der Allianz nicht getragen werden, weil sie Herausforderungen nicht lösen, sondern verstärken und neue schaffen. Dazu zählen insbesondere:
1. Die Staffelung der Elternbeiträge nach Stunden oder Zeitkorridoren:
Für 86% der Thüringer Kindergärten* ist die Berechnung der Elternbeiträge nach Halb- und Ganztagsplätzen die gelebte Praxis. Dieses mit Eltern abgestimmte, bedarfsgerechte Angebot entspricht den Anforderungen nach dem SGB VIII und ermöglicht Eltern eine flexible Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Kindergartenträgern eine verlässliche Personalberechnung, Fachkräften ein stabileres Arbeitsverhältnis und den Kindern genügend Bildungszeit. Die geplante Regelung beeinträchtigt die pädagogische Qualität, da sie Anreize zur Reduzierung der Buchungszeiten schafft, was zu einer sinkenden Personaldeckung in den Randzeiten am Morgen bzw. am Nachmittag führt. Die Allianz spricht sich für die Beibehaltung bewährter Pauschalmodelle (z.B. Halbtags-/Ganztagsplatz) aus, um die Stabilität und somit die ganztägige Qualität des Systems zu gewährleisten.
*entsprechend einer Umfrage der LIGA der freien Wohlfahrtspflege in Thüringen im März 2026
2. Die Fokussierung auf sprachliche Bildung
Der Thüringer Bildungsplan bis 18 Jahre ist seit Jahren die verbindliche Arbeitsgrundlage für die Thüringer Kindergärten. Er umfasst zehn Bildungsbereiche. Einer davon ist „Sprache und Schriftsprache“. Es untergräbt das ganzheitliche Verständnis des Bildungsplans, den Fokus nur auf einen Bildungsbereich zu legen. Welche gezielten Unterstützungsbedarfe Kinder in den verschiedenen Bereichen haben und welche Rahmenbedingungen dafür messbar und nachweisbar notwendig sind, könnte mit dem Instrument des „Thüringer Sozialindexes für Kindergärten“* berechnet werden im Rahmen der AG Zukunft möchten wir diesen Lösungsvorschlag gern diskutieren und in die Umsetzung bringen. Die Ergebnisse des Transferprojektes „Thüringer Qualitätskompass“ könnten darin einfließen. Durch entsprechende Funktionsstellen könnten zusätzliche personelle Ressourcen für alltagsintegrierte sprachliche Bildung und Förderung geschaffen werden.
3. Die Bedarfsplanung
Die Bedarfsplanung muss in den kommenden Jahren qualifiziert und landkreisübergreifend weiterentwickelt werden. Es braucht eine abgestimmte und vergleichbare Arbeitsgrundlage als Fachliche Empfehlung für die Landkreise, die die komplexen Herausforderungen des demografischen Wandels und die investiven Bedarfe für die Region, den Landkreis und Thüringen sichtbar und steuerbar machen. Die Ausweitung des Bedarfsplans auf 4 Jahre allein reicht nicht aus.
Das System der frühkindlichen Bildung in Thüringen steht vor großen Herausforderungen.
Diese Herausforderungen können in einer zweiten Novelle mit abgestimmten Änderungen vorgenommen werden. Auf diesem Weg kann die Qualität der frühkindlichen Bildung in Thüringen in der Zukunft besser geplant, gesichert und dauerhaft finanziert werden. Um Fragen der Finanzierung zu erörtern, wurde die Kommission Kindergartenfinanzierung vom Landtag beschlossen. Über Fragen der Qualität in Kindergärten wird in der AG Zukunft der Kindertagesbetreuung des Bildungsministeriums weitergedacht werden.
Die Allianz für einen besseren Personalschlüssel in Thüringer Kindergärten erwartet von der Landesregierung, dass sie die Zusammenarbeit mit den Akteuren im Bereich der Kindergärten ernst nimmt und wir gemeinsam Antworten auf die Herausforderungen finden.
Stand: 04.06.2026, 08.00 Uhr