Fachtag: Vom Konzept zur Umsetzung – Sozialraumorientierung in der Sozialen Arbeit in Thüringen vom 14.01.2016

Erfurt. Thomas Kranke weiß, wie Arbeit im Quartier funktioniert. Kranke ist bei der Neuen Arbeit Thüringen e.V. Leiter des ThINKA-Projektes im Landkreis Schmalkalden-Meiningen und im Meininger Stadtteil „Jerusalem“ unterwegs. Er holt die Menschen dort ab, wo sie sind, er organisiert Freizeitangebote, schöpft vorhandene Ressourcen aus, verzweifelt manchmal aber auch an den bürokratischen Hürden, die ihm in den Weg gelegt werden. „Kreative Lösungen“ müssen dann gefunden werden, nicht nur in Meiningen, sondern auch in Gera, so die Sozialdezernentin der Stadt,  Sandra Schöneich, beim Fachtag der LIGA zur „Sozialraumorientierung in der sozialen Arbeit in Thüringen.“

 

 

 

Die Umsetzung des Sozialraumkonzeptes ist ein langes Bohren dicker Bretter. Dazu braucht man einen langen Atem, sagt bei dem Fachtag auch Maria Lüttringhaus, die Leiterin des Instituts für Sozialraumorientierung, Quartier- und Case-Management aus Essen. Sie ist schon seit langem in Sachen sozialraumorientierter Arbeit unterwegs, kennt die Stolpersteine wie kaum ein anderer. Dabei ist das wichtigste der fünf Grundprinzipien der Sozialraumorientierung ganz einfach: Der Wille des Menschen  steht im Mittelpunkt.

 

 

„Das pädagogische Teufelchen müssen wir bei dieser Art von Arbeit einfach in die Tasche stecken“, appelliert sie in ihrem Vortrag an die Zuhörer. Die erste Frage müsse immer sein, was den Betroffenen, für die diese Arbeit geleistet werde, wichtig sei. „Die konkreten Ziele der Arbeit müssen an dem Willen der Betroffenen angedockt werden. So landet man im Sozialraum“, beschreibt Lüttringhaus den Weg. Der allerdings erfordert ein komplettes Umdenken bei den Mitwirkenden. Und dieses Umdenken muss erst noch in vielen Köpfen verankert werden.  Eindringlich warnt sie auch vor Patentlösungen: „Sozialraumorientierung wird überall neu erfunden.“ Konzepte könnten nicht von einem Quartier auf ein anderes übertragen werden. Überall müsse ein neuer, eigener Weg gesucht werden. „Wichtig ist dabei die Haltung, mit der man die Probleme angeht.“

 

Sandra Schöneich, Geras Sozialdezernentin, sieht die Stadt in der Rolle des Koordinierenden. In Gera gibt es nach ihren Angaben viele Projekte in den sozialen Räumen, die von der Stadt gebündelt werden. Sie fordert, dass diese kommunalen Aufgaben endlich auch als Pflichtaufgaben gesetzlich verankert werden. Zu mehr Selbstbewusstsein der im sozialen Bereich Agierenden ruft der Leiter der Stabsstelle Strategische Sozialplanung im Thüringer Sozialministerium, Christian Möller auf. „Kommune“ bedeute nicht nur Verwaltung – auch die freien Träger und die Bürgerinnen und Bürger sind als Teil der Kommune zu verstehen.  Und Ulrich Bergmann, Fachreferent für Jugendlhilfe des PARITÄTISCHEN in NRW sieht ein trägerübergreifendes Agieren bei der Verwirklichung einer sozialraumorientierten Arbeit als eines der geringsten Probleme an. Diese Erfahrungen hat er bei den zahlreichen Sozialraumprojekten in Köln gemacht. Hier hat man bereits mehr als zehn Jahre Erfahrungen in der Sozialraumorientierung gesammelt.

 

Am Nachmittag berichten Ulrich Bergmann sowie zwei weitere Referenten von ihren langjährigen Erfahrungen mit sozialräumlichen Arbeiten sowie den damit verbundenen Veränderungsprozessen.

 

 

Christoph Gehrmann (Caritas Dortmund) erzählt von der Anlaufstelle für EU-Zuwanderer „Willkommen Europa“ in Dortmund. Diese verbindet  niedrigschwellige Angebote im Sozialraum mit Angeboten der aufsuchenden Arbeit und der Familienbegleitung. Der sozialraumorientierte Ansatz verschaffte der Anlaufstelle eine Auszeichnung  des BAMF als „Integrationsprojekt des Monats September“. Kirsten Bielefeld von der Fürst Donnersmarck-Stiftung zu Berlin beschrieb die notwendigen Organisationsentwicklungsprozesse die mit einer sozialräumlichen Ausrichtung der Angebote der Stiftung  in der Behindertenhilfe verbunden waren.

 

„Ein bestechendes und animierendes Konzept“ nennt auch der LIGA-Vorsitzende Reinhard Müller die sozialraumorientierte Arbeit. „Aber die Umsetzung gleicht der Quadratur des Kreises“, macht er auf zu wenig Fortschritte auf diesem Gebiet in den vergangenen Jahren aufmerksam.  Müller kritisiert die Rotstift-Politik der vergangenen Jahre gerade im freiwilligen und präventiven Bereich. Viele soziale Projekte seien ihr zum Opfer gefallen. „Momentan allerdings haben wir gute Chancen, einiges in Bewegung zu setzen.“  Der sozialraumorientierte Ansatz habe sich bei der Integration von Flüchtlingen und Migranten in Deutschland bewährt.  „Wir stellen fest, dass dort, wo Quartiersarbeit geleistet wird, die Integration wesentlich besser gelingt als in anderen Regionen.“ Jetzt gelte es, alle Programme, die derzeit neu aufgelegt werden, auf ihre Sozialraumorientierung hin abzuklopfen. Dabei müsse es darum gehen, am Beispiel der Integration von Migranten  die Chancen von Sozialraumarbeit aufzuzeigen. Die Arbeit von Anlauf- und Beratungsstellen gilt es aber generell zu stärken – und zwar für alle Bürgerinnen und Bürger in den Thüringer Gemeinden.

 

Dokumente und Präsentationen aus den Workshops

 

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