Sozialplanung: „Stören Sie gelegentlich die Trägheit der öffentlichen Verwaltung“

Erfurt, 18. September 2015.  Der Leipziger Professor Bernhard Rohde ist ein gestandener Wissenschaftler. Aber nicht nur das. Der Wissenschaftler kennt beide Seiten der Sozialplanung. Er war selbst einmal jahrelang kommunaler Sozialplaner, bevor er an die Hochschule wechselte.  „Alles, was wir planen, wird durch das Leben gelegentlich konterkariert“, zeigte er sich als Realist. Das Ziel von Planungen sei es, „die Ungewissheit künftiger Entwicklungen so weit wie möglich zu reduzieren.“  Sozialplanung heißt für ihn, dass frühzeitig alle relevanten Akteure einbezogen werden. Das legte er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des ersten Moduls einer Weiterbildung zur „Kooperativen Sozialplanung in Thüringen“ ans Herz. Die vom Kompetenzzentrum für Strategische Sozialplanung der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege organisierte Reihe soll die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in vier Teilen mit der Sozialplanung vertraut machen.

 

Professor Bernhard Rohde - HTWK Leipzig

 

Denn Sozialplanung ist in Thüringen ein zentrales Thema. Nicht nur vor dem Hintergrund der von der Landesregierung angestrebten Gebiets- und Verwaltungsreform. Die demografische Entwicklung in Thüringen zwingt geradezu dazu, die soziale Infrastruktur vorausschauend zu planen. Dazu gibt es ein aus Fördermitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) finanziertes Förderprogramm, das jedem Kreis und jeder kreisfreien Stadt die 80 prozentige Förderung einer Sozialplanungsstelle ermöglicht. Nur ein Kreis in Thüringen scheint sich nach Angaben der zuständigen Referentin in der Stabsstelle  Strategische Sozialplanung im Sozialministerium bislang zu weigern, diese Stelle einzurichten, in zwei Wellen beteiligen sich bis Januar 2016 zunächst 18 kommunale Körperschaften an dem Programm.

 

Podium - Prof. Dr. Jörg Fischer, Claudia Michelfeit (TMASGFF), Hartmut Kaczmarek (Der PARITÄTISCHE), Katrin Nielsen (Fachbereichsleiterin Jugend und Soziales, Saale-Orla), Bernhard Rohde (HTWK-Leipzig), Reinhard Müller (LIGA Vorsitzender) 

Einen „bundesweiten Prozess mit Seltenheitswert“ nannte der Vorsitzende der LIGA und Landesgeschäftsführer des PARITÄTISCHEN, Reinhard Müller, die Aktivitäten Thüringens auf diesem Gebiet.  Er mahnte aber auch sozialraumorientierte Ansätze an. Wie notwendig das Denken in Sozialräumen sei, zeigt sich seiner Einschätzung nach gerade aktuell. Eine gelingende Integration der Flüchtlinge in Deutschland könne nur gelingen, wenn man in den Sozialräumen vor Ort die notwendigen Unterstützungen organisiert und damit Integration praktisch ermöglicht. An den Erfurter Professor Jörg Fischer, den Leiter des Instituts für kommunale Planung und Entwicklung, richtete er den Appell, von Anfang an die freien Träger bei seiner Beratungstätigkeit zu berücksichtigen. Fischer geht derzeit einen anderen Weg: Er lässt die Kommunen ihren Bedarf erst einmal selbst definieren und baut auf deren Stellungnahme seine Beratungsleistung auf. Im Saale-Orla-Kreis hat das zu einem guten Ergebnis geführt, wie Katrin Nielsen, die Fachbereichsleiterin für Jugend und Soziales in der Runde schilderte. Sie zeigte sich offen für eine kooperative Sozialplanung und hat auch ein Steuergremium zur Umsetzung der Sozialplanung im Landkreis gebildet.

 

 

Von einer „unauflösbaren Spannungslage“ berichtete Professor Rohde aus seinem praktischen und theoretischen Wissen. Auf der einen Seite stehe die Planungsverantwortung der öffentlichen Träger. Auf der anderen Seite könne ohne die maßgebliche Beteiligung gemeinnütziger Träger sowie der Betroffenen Sozialplanung nicht funktionieren, hob er deren Bedeutung in dem gesamten Prozess hervor. „Stören Sie gegebenenfalls die Trägheit der öffentlichen Verwaltung“, riet er eindringlich zu einer offensiven Herangehensweise der freien Träger.

 

Wie eine gute Zusammenarbeit zwischen Kommunen und freien Trägern funktionieren kann, zeigt ein Blick über die thüringische Landesgrenze hinaus in Richtung Hessen. Dort gibt es seit mittlerweile zehn Jahren eine vertrauensvolle Zusammenarbeit in einer AG Sozialplanung, die paritätisch zwischen freien Trägern und kommunaler Seite besetzt ist. Christian Reuter, Geschäftsführer des regionalen Caritasverbandes Fulda und Geisa e.V. sowie Jürgen Stock, der Fachbereichsleiter des Amtes für Arbeit und Soziales beim Landkreis Fulda, schilderten die Erfolgsstory. Als Kriterien für das reibungslose Funktionieren der Zusammenarbeit nannten sie die paritätische Besetzung des Gremiums, die diskursive Herangehensweise, eine arbeitsfähige Gruppengröße und eine enge Anbindung an die LIGA-Akteure vor Ort.  „Es müssen eigene kommunale Lösungen entwickelt werden“, gaben sie den Thüringern als Rat mit auf den Weg.  Und die LIGA-Vertreter vor Ort müssten auch konsequent die Umsetzung der Sozialplanung einfordern. „Die Basis kann es besser“, so ihr Credo.  Auf die Entscheidungen vor Ort innerhalb des vom Land gesetzten Rahmens wies auch Claudia Michelfeit aus dem Sozialministerium hin. Katrin Nielsen hat mit dieser Herangehensweise in ihrem Kreis hervorragende Erfahrungen gemacht. 

 

Wenn das Zusammenspiel funktioniert, stehen am Ende auch gute Ergebnisse. Wie beispielsweise in Fulda: Dort werden die Entscheidungen der Arbeitsgemeinschaft von den kommunalen Gremien umgesetzt. Zu wie viel Prozent?  Amtsleiter Stock musste nur ganz kurz nachdenken: „Zu 100 Prozent“.

 

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